Überschrift der Webseite der Brüder Grimm-Stiftung
Jacob und Wilhelm Grimm


Historische Bedeutung und aktuelles Interesse

Das Werk der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm verbindet in bemerkenswerter Weise Kulturgeschichte und politische Geschichte des deutschsprachigen Raumes. Die nachhaltigste Wirkung kommt ihren Kinder- und Hausmärchen zu, die in über 160 Sprachen übersetzt und in der Form der Grimmschen Handexemplare nun für die Aufnahme in das Weltdokumentenerbe der UNESCO nominiert wurden. Obgleich gerade sie im Ausland als charakteristischer Ausdruck deutscher Kultur, speziell eines romantischen Begriffs von Volks- und Brauchtum, aufgenommen werden, spiegeln sie doch eine europäische und sogar über Europa hinausreichende Tradition der Aneignung folkloristischer und mythologischer Stoffe und Motive.

Die spezifisch deutsche Komponente des Grimmschen Werks kommt am deutlichsten in ihrer Beschäftigung mit der deutschen Sprache zum Tragen. Jacobs und Wilhelms Leistungen auf dem Gebiet der Beschreibung von Wortschatz und Grammatik begründen mit der Germanistik eine neue wissenschaftliche Disziplin. Herausragend und in seiner Materialfülle nach wie vor ohnegleichen ist das Deutsche Wörterbuch, das von den Brüdern 1854 mit dem ersten Band auf den Weg gebracht und erst im Jahre 1960 abgeschlossen wurde. In 32 Bänden dokumentiert es das Deutsche von der Mitte des 15. Jahrhunderts an, greift dabei auf auf über 25.000 Quellentexte zurück, verzeichnet etwa 350.000 Stichwörter und liefert so einen einzigartigen Zugang zur Kulturgeschichte des deutschsprachigen Raumes.

Von Anfang an steht das philologische Arbeiten der Grimms in einem politischen Kontext. Wenn unter dem Stichwort deutsch im Wörterbuch von der „unauslöschbaren liebe der deutschen zu ihrem vaterland“ die Rede ist, dann ist das Pathos durchaus zeittypisch. Vor dem Hintergrund der Existenz zahlreicher Einzelstaaten auf dem Gebiet des ehemaligen Deutschen Reichs gewinnt die Forderung nach politischer Einigung geradezu revolutionären Charakter, indem sie sich gegen die partikularen Interessen der regierenden Fürsten stellt. Die nationale und zugleich bürgerlich-liberale Haltung der Grimms zeigt sich an Jacobs Teilnahme an der Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche von 1848 ebenso wie an dem zeitweiligen Verlust der beruflichen Positionen, die die Grimms durch ihr politisches Engagement erfahren.

Angesichts des Fehlens staatlicher Einheit kommt dabei vor allem der deutschen Sprache die Aufgabe zu, das Bewusstsein der Einheit der Nation zu fördern. Als „ein hehres denkmal des volks, dessen vergangenheit und gegenwart in ihm sich verknüpfen“ bezeichnet Jacob Grimm das Deutsche im Vorwort zum Deutschen Wörterbuch. Der Ton ist Ausdruck einer zeitgenössischen Sprachauffassung, die, oft mythologisierend und ins Sakrale ausgreifend, eine fast organische Beziehung zwischen Sprache und Sprechern behauptet.

Diejenigen, die im 20. Jahrhundert geboren wurden, wird dieses nationale Pathos der Grimms in seinem bloßen Wortlaut an spätere nationale Töne erinnern, die Ausdruck einer aggressiven, expansiven Politik waren. Eben das aber macht die Brüder Grimm für die Gegenwart interessant: Die Beschäftigung mit ihrem Werk zwingt dazu, zwischen unterschiedlichen Spielarten des Nationalen zu unterscheiden. Wie ein Vexierbild gibt ihr Wirken den Blick auf die nationale und, bei Radikalisierung des Grimmschen Anliegens, nationalistische Tradition, zugleich aber auch auf die bürgerlich-liberale Tradition in der deutschen Geschichte frei.

Die Brüder Grimm-Stiftung hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Wirken von Jacob und Wilhelm Grimm in seiner Vielschichtigkeit zu würdigen. Die große kulturgeschichtliche, auch europäische und außereuropäische Bedeutung der Märchen soll dabei ebenso berücksichtigt werden wie die auf die Verbindung von Sprache und kultureller bis politischer Identität gerichtete Beschäftigung mit dem Deutschen, in seiner ganzen, auch problematischen, Breite.